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Der gute alte Teppich ist nicht platt zu kriegen – Teppichqualitäten und Tipps für die Raumgestaltung

10.01.2017 | Einrichtungstipps | 2 Kommentare

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass Wohntextilien immer weniger Beachtung finden und mehr und mehr aus Räumen verschwinden. Alles muss pflegeleicht, strapazierfähig und leicht zu reinigen sein. Textilien gelten deshalb meist als Störenfriede. Zu Unrecht, wie ich finde, denn sie sorgen nicht nur für eine geborgene Raumatmosphäre und für Wärme, sondern verbessern auch die Raumakustik.

Was sind überhaupt Raumtextilien?

Zu Raumtextilien zählen, Plaids und Kissen, Möbelstoffe, Fensterdekoration, wie Gardinen oder Faltrollos und der gute alte Teppich, ob als Auslegeware, wie Loriot zu sagen pflegte, oder als richtiger Teppich.

Fotos: S. Schreiber-Beckmann

 

Einmal pro Jahr zeigt der internationale Teppichmarkt, was er zu bieten hat und präsentiert sich auf der DOMOTEX in Hannover. Dazu später mehr, zunächst möchte ich gern den Teppich und seine Bedeutung näher unter die Lupe nehmen:

  • Was hat ein Teppich für eine psychologische Bedeutung und Wirkung für uns Menschen? Dazu ist ein Blick in die Geschichte sehr hilfreich.

  • Welche Herstellungsverfahren und Materialen werden verwendet und welche Eigenschaften ergeben sich daraus? Wichtig, um das passende Produkt für sich zu finden.

  • Welche Maße passen wo? Praktische Tipps für die Raumgestaltung.

 

 

Mein Teppich – MEIN PLATZ!

Menschen möchten sich abgrenzen und dies anderen mitteilen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten ständig jedem wortreich erklären, wo ihr Territorium anfängt und aufhört. Wie anstrengend! Wir wären quasi rund um die Uhr damit beschäftigt. Stattdessen nutzen wir Symbole, wie Zäune, Gräben, Mauern, o. ä. . Der gute alte Teppich ist quasi die Urform so einer Einfriedung, denn durch seinen Kontrast zum restlichen Boden bildete er automatisch eine Barriere, die Aufmerksamkeit erregt. Wo jemand eine Matte ausgelegt hatte, war für alle anderen klar, dass dieser Bereich besetzt ist. Wir Menschen respektieren normalerweise intuitiv solche Barrieren, zumindest solange bis der Verstand anders entscheidet. Nomadenvölker legten ebenfalls als erstes ihre Teppiche aus und schufen sich damit zusätzlich ein Gefühl von Zuhause, auch wenn der Ort stetig wechselte. Ein Teppich ist also eine Form der „Revierabsteckung“ und gleichzeitig ein Symbol für Geborgenheit. Zusätzlich bietete er Schutz und Wärme vor dem natürlichen Untergrund. Übrigens handeln wir auch heute noch so, z. B. bei einem Picknick oder wenn wir im Urlaub am Strand das Badelaken ausbreiten.

 

 

Mein Platz – MEIN TEPPICH!

Heute wohnen wir meistens in festen Behausungen, da sind die Grenzen unübersehbar. Der Teppich bleibt aber das Symbol für Geborgenheit, Wärme und Schutz und er übernimmt seither eine weitere Funktion, nämlich die eines Statussymbols. Je kostbarer das Material, je aufwendiger die Fertigung und das Motiv, desto höher war und ist der Preis. Solche Kostbarkeiten wurden übrigens auch gern als Wandschmuck verwendet. In meiner Region, beispielsweise werden regelmäßig noch erhaltene und besonders aufwendig gearbeitete gotische Wandteppiche eines Klosters ausgestellt. Sie sind eine Augenweide! Und wenn Sie mal in London unterwegs sind, können Sie im Victoria and Albert Museum den berühmtesten Teppich der Welt bewundern. Fünf Weber sollen drei Jahre an dem prachtvollen  Stück gearbeitet haben. Der Auftrag wurde von einem Schahs des 16. Jahrhunderts für eine Moschee erteilt. Es handelt sich um den weltbekannten Ardabil Teppich.

Quelle: Wikipedia Ardabil Teppich

 

 

Platt, aber Oh Ho!

Teppiche gibt es in den verschiedensten Designs, Größen und Qualitäten, geknüpft oder gewebt, aus Naturmaterialien oder aus Synthetikgarnen, in Handarbeit oder maschinell hergestellt. Ich habe auf der Messe wieder einmal mehr den Eindruck, die Auswahl ist schier unbegrenzt geworden. Bevor wir also über eine optimale Platzierung eines Teppichs sprechen, werfen wir einen Blick auf mögliche Materialien und deren Eigenschaften.

Am bekanntesten ist da wohl Schafwolle. Und wer kennt nicht den guten alten Berberteppich? Zugegeben heute etwas aus der Mode gekommen. Aber auch andere Tiere geben Wolle, z. B. die Wollziege. Wolle ist grundsätzlich sehr robust, weitgehend schmutzunempfindlich und kann Wasser aufnehmen ohne feucht zu wirken. Eine gute Eigenschaft für ein gutes Raumklima. Die Qualität der Wolle ist abhängig vom Alter des Schafes und der Körperregion – eigentlich wie bei uns auch, oder?

Foto: S. Schreiber-Beckmann

Wollteppich aus gefilzten Schlingen und Shag von der Fa. Tisca Tiara Foto: S. Schreiber-Beckmann

 

Baumwolle wächst nicht an Bäumen, sondern ist ein Malvengewächs. Die Samenkapsel bekommt einen Flaum, dieser wird geerntet und zu Garn versponnen. Bei handgeknüpften Teppichen sind Baumwollfäden meist als Kett- und Schussfäden eingearbeitet.

Baumwollpflanzen

Mit einem speziellen Verfahren kann Baumwolle eine sehr exklusive Oberfläche bekommen. Dann schimmert sie wie Seide. Dieses Verfahren nennt sich Merzeresierung. Also aufgepasst beim Teppichkauf: Es ist nicht alles Seide, was glänzt!

Nun, also zu dem Königsmaterial für Teppiche, der Seide. Die Gewinnung ist heute unter Tierschützern nicht unumstritten und immer noch sehr aufwendig. Seidenfäden werden in manchen Regionen sowohl für die Kett- und Schussfäden, als auch für den Flor eines Teppichs verwendet. Das macht solche Teppiche natürlich besonders exklusiv. Oft werden Wolle und Seide gemischt verwendet. Sollten Sie ein besonderes Schnäppchen angeboten bekommen, ist Vorsicht geboten. Und wer auf das Material gar nicht verzichten kann und trotzdem ein gutes Gewissen haben möchte, könnte in Erwägung ziehen gebrauchte Stücke zu erwerben.

Teppiche aus Jute, Kokos oder Sisal sind sehr strapazierfähig und lange haltbar, aber nicht kuschlig. Diese Materialien werden aus Pflanzenfasern gewonnen. Teppiche aus Kunstfasern, wie Polyamid, Polyacryl oder Viskose sind ebenfalls sehr strapazierfähig und im Vergleich wesentlich preisgünstiger. Die besondere Ausstrahlung, wie die Wechselwirkung der Materialien mit Licht und Farben und die Haptik einer Naturfaser mit ihren ausgleichenden Eigenschaften sind aber nicht zu ersetzen.

 

 

Welcher Teppich eignet sich?

Wenn wir uns einen Teppich wünschen, dann soll er meist nicht nur die Optik eines Raumes verändern. Auch heute geht es uns um Wärme oder um mehr Geborgenheit in einem Raum. Zusätzlich gibt es auch ganz praktische Aufgaben für einen Teppich, z. B. Staub oder Schmutz aufzufangen oder die Geräuschkulisse zu dämpfen. Ausführung und Material richten sich nach diesen Anforderungen. Ich würde beispielsweise einer Familie mit Kleinkindern und Katzen von einem Jute-, Sisal- oder Kokos-Teppich abraten. Kleinkinder schürfen sich an der harten Faser die zarte Haut auf, weil sie überwiegend auf dem Boden unterwegs sind. Katzen wiederum lieben es ihre Krallen an den Fasern zu wetzen.

 

 

Ein Teppich als Bühne und Brücke

Ein handgeknüpfter Teppich ist ein besonderes Stück und braucht eine „Bühne“, wie eine freie Fläche im Wohnbereich, in einem Flur oder einer Diele. Das Dekor kann zu einem besonderen Hingucker werden oder von einer unerwünschten Raumproportion ablenken, wie einem schmalen Flur. Umgekehrt eignet sich ein Teppich, um Möbel hervorzuheben, um vielleicht eine Essgruppe in Szene zu setzen oder wenn die Hölzer von Möbel und Bodenbelag nicht harmonieren. Der Teppich bildet dann eine gestalterische Brücken. Oder verbindet einzelne Wohnbereiche harmonisch miteinander. Mit Klick auf den Link, sehen Sie Beispielbilder.

Beispielbilder

 

 

Ein Teppich als Barriere

Für Menschen mit körperlichen Einschränkungen können Teppiche allerdings zum Hindernis werden. Wenn beipielsweise die Sehkraft nachgelassen hat oder das Gehen schleppend geworden ist, dann werden Teppichkanten zu Stolperfallen und bergen Unfallgefahr. Gleichzeitig können Teppiche eine bewusst gesetzte Barriere bilden, die optisch und haptisch Aufmerksamkeit erzeugt,  wenn zum Beispiel in bestimmten Räumen Menschen  in oder um bestimmte Bereiche geleitet werden sollen.

 

 

 

Teppichgrößen

Wählen Sie die Größe eines Teppichs so, dass er nicht den gesamten Boden bedeckt, weil dabei weder Teppich, noch Bodenbelag zur Geltung kommen können. Ist ein Teppich zu klein gewählt, verliert er sich im Raum und wirkt „ärmlich“. Stellen Sie sich vor, dass Sie mit Möbel und Teppich eine geometrische Form erzeugen wollen, die Sie im Raum platzieren und die sich am Raum orientiert. Am besten denken Sie dabei in Gruppen wie bei der Dekoration von Accessoires.

Beispiel:

Bei einer Essgruppe, sollte der Teppich so groß sein, dass das Bewegen der Stühle zum Aufstehen und Setzen auf dem Teppich stattfinden kann. Ist ein Teppich viel beansprucht, braucht er eine gewisse Masse, damit er nicht zur Rutschpartie oder zur Stolperfalle wird.

Beispielbilder

 

 

 

Fazit

  • Es gibt für jeden den richtigen Teppich, denn er ist weit mehr als ein Gestaltungsmittel.

  • Der Teppich ist ein Symbol für Schutz, Geborgenheit und Wärme

  • Qualität zahlt sich in Langlebigkeit aus.

  • Teppiche verbessern die Raumakustik

  • Größe und Form bilden eine Gruppe mit der Möblierung

  • Ein Teppich als Kunstwerk braucht eine freie Fläche

Damit Sie sich ein Bild zu den Tipps machen können, habe ich Ihnen ein Ideenbuch zusammengestellt: Teppich – Tipps und Inspirationen.

Haben Sie sich für Teppich entschieden?

Was sind Ihre Erfahrungen? Vielleicht haben Sie auch eine Frage zur Pflege?

Hinterlassen Sie gern Ihre Frage oder senden Sie mir eine Mail.

Ihre

Susanne Schreiber-Beckmann



Hinterlassen Sie uns einen Kommentar:

Sybille Eichner schrieb am 26. Januar 2017 um 15:44 Uhr:

Toll, sehr interessant!! Werde mal über meine „Brücken“ gehen und über diese und meine Teppiche nachdenken…


Susanne schrieb am 2. Februar 2017 um 16:38 Uhr:

Danke sehr, das lohnt sich bestimmt.
Liebe Grüße