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Fröhliches Mausgrau, Steingrau,…

20.11.2015 | Farben | Keine Kommentare

Was Farben wo passiert. Ein Beispiel aus dem Leben

LORIOT hatte es in seiner unverwechselbaren Art im Film „Ödipussi“ auf den Punkt gebracht. Das Ehepaar, dass mittels frischer Farben wieder zueinander finden sollte, bevorzugte ein fröhliches Mausgrau. Der geschäftstüchtige Raumausstatter, verkörpert durch Loriot, reagierte prompt mit ebensolcher Farbpalette leuchtender Grauvarianten. Das war natürlich Satire, aber wie nah am Leben es sein kann, zeigt folgendes Foto:

Foto:Fred Beckmann

Foto:Fred Beckmann

Ein Krankenhaus in „heiteren“ Grautönen, gepaart mit Mintgrün und ein kleinwenig Rot. Passender Weise in der Nähe der Notaufnahme und als Hinweis auf den Haupteingang. Was soll uns dieser Farbklang der Fassade sagen? Schreiten wir zur Diagnose. In diesem Fall ist dieser Begriff wohl angebracht.

 

 

 

Anamnese (Sorry, aber ein guter Diagnostiker beginnt natürlich mit der Vorgeschichte)

Ein Krankenhaus, krankt schon an seiner Betitelung. Ist doch ein solches Haus dazu da, um Menschen zu heilen. Hier geht es um etwas positives. Menschen erfahren  in einer mehr oder weniger akuten Situation Hilfe, um zu gesunden. Selbst bei Diagnosen, die unweigerlich das Ende zur Folge haben, ist ein solches Haus eine Stätte der Hoffnung oder zumindest der Erleichterung eines Leidens bis zum Tod. Nennen wir es beim Namen.

Das war beileibe nicht immer so. Vor gar nicht allzu langer Zeit war die Notwendigkeit einer Einlieferung in ein sogenanntes „Siechenhaus“ der letzte Weg eines Lebens. Das Verlassen solcher Häuser erfolgte mit den Füssen voran. Gott seid Dank sind diese Zeiten vorbei. Ein Grund mehr eine Umbenennung vorzunehmen. Wie wäre es mit „Gesundheitszentrum“ oder „Haus der Gesundheit“.  Was fallen ihnen für positive Namen ein?

Gestatten sie mir noch eine philosophische Anmerkung zum Thema „Nomen est Omen“ (Plautus, römischer Komödiendichter, 250-184 v. Chr.). Dieser Ausspruch kommt nicht von ungefähr, denn unsere Gedanken bestehen aus Worten und sind mit Gefühlen verknüpft. Was wir denken und fühlen, wird zu unserer Realität. Einfache Probe: Denken sie an etwas schönes und gehen sie mit einem Lächeln spazieren. Sie werden staunen, wieviel Lächeln zurückkommen wird. Das funktioniert natürlich auch in der negativen Variante, aber die Positive macht eindeutig mehr Spaß.

Wussten sie übrigens, dass ein Arzt in China nur dann sein Honorar erhielt, wenn die Menschen, die er betreute, gesund blieben? Das ist doch ein wunderbarer Ansatz, finde ich. Nun zu den Farben.

 

 

 

Farben – ganz persönlich

Farben sind wie Persönlichkeiten. So achtsam wie ich mit Menschen umgehe, sollte ich auch Farben gegenüber sein. Jede hat ihre Eigenheiten und möchte geschätzt werden. Nicht jede fühlt sich mit jeder wohl. Wenn sie farbige „Wohngemeinschaften“ kreieren, dann ist es sinnvoll vorher eine Idee zu haben. Welche Aussage sollen die Farben, die sie zusammenbringen für sie treffen? Dabei schauen wir zunächst jede Farbpersönlichkeit einzeln an und setzen später das Bild zusammen.

 

 

 

Was hat GRAU zu bieten?

Grau ist weder hell noch dunkel, kalt noch warm – wischiwaschi immer in der Mitte. So wischiwaschi wie ein personifizierter unauffälliger Hintergrund, der nicht stört, vor allem nicht stören will. Immer schön in der letzten Reihe stehen. Sorry, aber über Grau gibt es kaum positive Aussagen. Bei Grau ist die Müdigkeit, die Langeweile, der Alltag und die Gleichgültigkeit zu Hause. Es ist die Ruhe, die Leben fordert. Zur Verdeutlichung – es gibt auch eine Ruheaussage bei GRÜN, die entspannend wirkt, aber aktiv bleibt und eine bei BLAU, die zu geruhsamem Schlaf führen kann.

Wir kennen:“ Grauer Alltag“ (Stöhn), „graue Maus“ (steht dem Tier vortrefflich, Mensch geht wahrscheinlich besser zur Stilberatung), „Morgengrauen“ (wenn der Wecker früh klingelt), „grauer Himmel“ (…..)

Sollte GRAU den Mut zur edlen Eleganz aufbringen, braucht es glänzende Unterstützung in Form einer Oberfläche oder eines Partnerfarbtons.

 

 

 

Was haben Mint- und Meergrün zu bieten?

Mintgrün verkörpert Frischluft und Sauberkeit (Hygiene).

Meergrün ist ein Grün mit hohem Blauanteil und eine ganz besondere Persönlichkeit. Seine Qualitäten werden meist erst später geschätzt, denn hier geht es um Wandlung. Meergrün ist für Veränderungen und hat mit materiellen Dingen nicht so viel am Hut. Loslassen für die Freiheit ist seine Devise. Das kann u. U. anstrengend sein. Aber diese Anstrengung führt zu neuer Kreativität, denn Meergrün ist ein Querdenker, der den Dingen gern auf den Grund geht. Hier wird der wahre Sinn hinterfragt.“Keine Zeit verschwenden für  Oberflächlichkeiten!“, ist Meergrüns Slogan.

 

 

 

Wie steht es mit ROT?

Mit ROT hatten wir schon das Vergnügen: Zum Artikel

In diesem Zusammenhang gibt es noch etwas zu ergänzen: ROT ist nämlich die Assoziation zu Blut. Solange das Blut in unserem Körper fröhlich seinen Kreislauf vollführt ist alles wunderbar. Gefahr und Tod drohen ja erst bei Verlust dieses ganz besonderen Saftes.  ROT hat so seine Qualitäten. Ihm wird nachgesagt, dass es die Lebertätigkeit anregt, den Stoffwechsel und den Körper stärkt, aber auch Entzündungsprozesse fördert. Und Schlaflosigkeit und Verstopfung stehen ebenfalls auf seiner Liste. BRAUNROT ist zwar ruhiger in seinem Temperament und erdiger, aber immer noch ROT.

Es ist also die Frage, wem mute ich ROT in welcher Situation zu?

 

 

 

Diagnose (anpirschen und auswerten)

In welcher Verfassung befindet sich der überwiegende Teil der Menschen, die ein Krankenhaus aufsuchen? Sie sind angespannt bis verzweifelt. Angespannt, weil der Arbeitstag die ganze Aufmerksamkeit fordert und mancher Ausgang ungewiss ist. Angespannt bis verzweifelt, weil verletzt, erkrankt, ohne Bewusstsein, in Angst und/oder Sorge um einen Menschen oder voller Ungewissheit.

Stellen wir uns vor, wir machen eine Umfrage im Krankenhaus. Was würden die meisten Menschen antworten, was sie sich gerade wünschen?

  • schnell gesund werden

  • am Leben bleiben

  • aufwachen

  • dass es falscher Alarm war

  • Sicherheit und Geborgenheit

  • Antworten auf Warum- und Was-wird-werden-Fragen

  • ….. sicher fällt ihnen noch mehr ein.

Nun nehmen wir die Position der Menschen mit ihren verschiedenen Situationen und den eben beschriebenen Gefühlen ein. Was sehen wir dann? Nochmal ein Blick auf das Foto:

Foto:Fred Beckmann

Foto:Fred Beckmann

 

Einen grauen Kasten, der den eignen grauen Himmel der Verzweifelung widerspiegelt, aber immerhin Sauberkeit und Hygiene verspricht. Und das kann man wohl erwarten, wir sind ja nicht mehr im Mittelalter. Die Attribute von Meergrün leider optisch sehr hintergründig, aber immerhin passend und vorhanden. Denn hier wird den Dingen auf den Grund gegangen und in zunehmenden Maße auch ganzheitlicher betrachtet. Hier ist Wandlung quasi Pflichtprogramm. Muss ich zu ROT noch was sagen? Jedenfalls weiß spätestens jetzt jeder, dass es in einem Krankenhaus schon mal blutig sein kann. Die Konstruktion auf dem Dach ist übrigens ein Landeplatz für Hubschrauber. ROT ist in diesem Farbkonzept die einzige Farbe, die zu den warmen Farben gezählt wird.

So ein Haus ist ein Synonym für Hoffnung. Hoffnung, dass alles gut werden wird. Hier möchten sich Menschen aufgehoben und beschützt fühlen. Hier soll Vertrauen entstehen und Kompetenz ein Selbstverständnis sein. Wie wäre es daher mit einer Farbkombination, die Wärme, Fürsorge, Vertrauen und Kompetenz ausstrahlt?

 

 

Therapie

Farbkonzepte bestehen aus einzelnen Farbtönen plus einer Form, wie sie hier der Baukörper vorgibt. Und schließlich der Oberfläche, die verschiedene Glanzgrade haben kann oder auch rauh sein kann. Zusätzlich spielt es eine Rolle welche Flächengröße einzelne Farbtöne belegen. Jedes Farbkonzept verändert seine Aussage in Verbindung mit diesen Komponenten. Damit könnt ihr einzelne Farbtöne abmildern oder hervorheben oder aber alle Farbtöne wie eine lebendige, aber homogene Fläche erscheinen lassen (Beispiel: Fassade Fläche mit Blaugrünabstufungen).  Alles hängt davon ab, wer sie sind und was Farben für sie tun sollen. In diesem Beispiel sollen Wärme, Fürsorge, Vertrauen und Kompetenz vermittelt werden.

 

 

Rezept

Das Rezept ist aus meiner Sicht ganz einfach: Füge einen warmen, aber lebendigen Erdton auf großer Fläche ein. Wiederhole diesen im kleinteiligen Element als Verbindung. Ersetze die rote Fläche durch Meergrün. Gib Grau seine Rolle als Hintergrund zurück, denn das ist seine Stärke.

Bildbearbeitung: S. Schreiber-Beckmann

Bildbearbeitung: S. Schreiber-Beckmann

 

Die Wirkung der Farben habe ich übrigens im Selbstversuch getestet und aus meiner beruflichen Erfahrung wiedergegeben. Ansonsten gibt es ganz viel spannende Literatur dazu. Unten sehen sie einige meiner Empfehlungen.

Haben sie  Rezeptwünsche zu eigenen Farbideen? Ich freue mich über einen Kommentar.

Ihre

Susanne Schreiber-Beckmann

(farbbegeistert und farbkritisch)

 

 

 

Literatur

„Das große Buch der Farben“, Klausbernd Vollmar, KÖNIGSFURT URANIA Verlag

„Das Geheimnis der Farben“,  Vicotria Finlay, LIST Verlag

„Mensch und Farbe“, Heinrich Frieling, MUSTER-SCHMIDT Verlag

 

 



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