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Hui, Feng Shui!

10.02.2022 | Keine Kommentare

Als Interior Designerin werde ich häufig gefragt, ob ich auch Feng Shui anbiete. In einem ehrfürchtigen, geradezu eingeschüchterten Unterton. So als ob es sich bei Feng Shui um einen Geheimcode für ein gelungenes Leben handeln würde.

Ist es nicht. Das sage ich, nachdem ich mich mehr als 20 Jahre intensiv mit Feng Shui beschäftigt, Bücher dazu gelesen und mich in Seminaren weitergebildet habe. Ich weiß, wie man einen Raum nach Feng Shui-Kriterien wahrnimmt und umgestaltet. Trotzdem halte ich es nicht für den alleinigen Königsweg hin zu einem stimmigen Raumkonzept. Warum nicht?

 

Weil ich finde, dass…

  • Feng Shui im Interior Design so vermarktet wird, dass es unnötig Ängste schürt
  • sich nicht alle Aspekte dieser alten Traditionslehre auf unsere heutigen Bedürfnisse übertragen lassen
  • ein bisschen Empathie und gesunder Menschenverstand häufig schon ausreichen, um zum selben Ergebnis zu kommen

 

Aber was ist Feng Shui überhaupt?

Für die einen die Bibel der Raumgestaltung, für die anderen nichts als esoterischer Humbug. Hier kommt meine Definition für den Hausgebrauch:

Feng Shui ist der Versuch, den Menschen mit seiner Umgebung zu versöhnen, und zwar durch eine besonders harmonische Gestaltung seiner Wohn- und Lebensräume. Die Kernidee lautet: „Alles ist mit allem verbunden und bedingt einander.“

Die Wurzeln des Feng Shui liegen im Daoismus, einer chinesischen Denk-Schule, die unter anderem die Begriffe Ying und Yang geprägt hat: Sie stehen für zwei Gegensätze, die sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen. Dieses Prinzip liegt auch dem Feng Shui zugrunde, das stets um Balance bemüht ist: zwischen Mensch und Natur, Körper, Seele und Geist.

 

Wie aber nutzt man Feng Shui bei der Inneneinrichtung?

Die britische Expertin Karen Kingston hat dazu einen sehr naheliegenden Tipp formuliert: „Erst muss man sein Gerümpel wegräumen, bevor man die Lehre erfolgreich anwenden kann.“ Gemeint sind die Kruschtel-Ecken, die sich in jedem Haus, jeder Wohnung verstecken. All die vollgestopften Schränke, die unaufgeräumten Schubladen – der ganze materielle Ballast, der zum Hemmschuh für ein harmonisches Leben werden kann, ohne dass wir es bemerken.

Kingston, die 20 Jahre lang auf Bali verbracht und dort praktisches Feng Shui im Alltag erlebt hat, fasst ihre Erkenntnisse im Ratgeber „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ zusammen. Nebenbei erklärt sie Grundbegriffe und beschreibt sehr anschaulich, wie auch Laien die Feng Shui-Lehre für sich nutzen können – wer das Thema also vertiefen will, sollte hier anfangen.

Abschließend lässt sich sagen: „An schlechtem Feng Shui ist noch keiner gestorben.“ Dieses Zitat stammt von meinem alten Lehrer, und tatsächlich kann man es gar nicht oft genug wiederholen. Denn dafür, dass es sich um eine Harmonielehre handelt, wird Feng Shui auffällig disharmonisch vermarktet – nämlich mit Angst.

 

„Sie schlafen schlecht? Kein Wunder, so wie ihr Bett im Zimmer steht! Da zeigen die Füße zur Tür – ich sage nur: Sargposition…

Der Hinweis auf die Sargposition kommt bei fast jeder Feng Shui-Beratung zur Sprache – und kann großes Unheil ausrichten. Denn Kunden, die nach Feng Shui fragen, befinden sich häufig im Umbruch. An einem Punkt in ihrem Leben, wo Orientierung fehlt. Und in dieser sensiblen Phase scheint man besonders empfänglich für seltsam begründete Einrichtungsvorschläge zu sein.

Dabei ist die Ausrichtungsachse eines Bettes gar nicht allein entscheidend. Wie ein Bett in einem Raum positioniert wird, hängt auch von gestalterischen Gesichtspunkten und nicht zuletzt vom jeweiligen Schlaftyp ab. Viele sogenannte „Höhlenschläfer“ beispielsweise bevorzugen das Schlafen unter Dachschrägen.

Zudem rührt die Warnung vor der Sargposition aus einem alten Aberglauben her, der in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch Gewicht hat. Andere Feng Shui-Empfehlungen treffen schon deshalb nicht zu, weil sie aus dem chinesischen Kulturkreis stammen. Ich lehne es ab, mit solchen Aussagen Ängste oder Probleme zu erzeugen, wo vorher keine waren.

Raumgestaltung ist so individuell, wie jeder Mensch mit seiner Biografie und seinen Anlagen nun mal ist. Das bedeutet, dass es keine pauschalen Antworten geben kann. Gerade ein so komplexes Analyse- und Prognosesystem wie Feng Shui bietet genügend Möglichkeiten für individuell passende Lösungen. Und – Analyse hin oder her, am Ende sollte auch gestalterisch ein harmonisches Raumbild entstanden sein. Ganz ohne Angst.

 

Bleiben Sie neugierig!

Ihre

Susanne Schreiber-Beckmann

 

P. S.: Welcher Alarm-Typ sind Sie?



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