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Mein Kind ist hochsensibel! – Wie kann ich das Kinderzimmer SINNvoll gestalten?

16.08.2016 | Einrichtungstipps | Keine Kommentare

Hochsensible Menschen ticken anders. Sie brauchen eine auf sie zugeschnittene Umgebung für ihren Rückzug, damit sie ihren Alltag meistern können. Das ist mehr als ein Nest. Das ist ein Ort zum intensiven Regenerieren und Auftanken, der die Bedürfnisse ihrer besonderen Wahrnehmung berücksichtigt. Zur Regeneration gehört eine gezielte und personenbezogene Ansprache der Sinne.

Und hochsensible Kinder?

Gerade Kinder sind vielen Dingen im Alltag ausgeliefert. Sie können das meiste, was auf sie einströmt nicht beeinflussen. Viele der folgenden Tipps sind für alle Kinder wichtig. Für hochsensible Kinder sind sie, meiner Erfahrung nach, essentiell. Es geht mir um ein Aufmerksam-machen auf Gestaltungsmerkmale, die es braucht, damit speziell ein hochsensibles Kind Rückzug, Geborgenheit, Entspannung, Spiel, Förderungen erfährt und von der Reizüberflutung abschalten kann. Da ich selbst ein hochsensibler Mensch bin und hochsensible Kinder habe, spreche ich in diesem Fall nicht nur als Fachfrau, sondern auch aus Erfahrung.

 

 

Alle Kinder sind gleich und manche sind gleicher

Jedes Kind ist eine Persönlichkeit und sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie das natürlich wissen. Erstaunlicherweise wird dieses Wissen bei der Gestaltung von Kinderzimmern plötzlich vergessen. Deshalb möchte ich hier ein sehr deutliches Statement abgeben:

Im Zimmer Ihrer Lieben hat Ihr Geschmack nichts zu suchen!

Schon kleine Kinder haben meist ganz konkrete Vorstellungen und Wünsche zu bestimmten Dingen, insbesondere hochsensible Kinder. Sie wollen z. B. wohnen wie in einem Schloss oder lieben den Weltraum. Deshalb muss die Gestaltung nicht unbedingt als “Themenzimmer” ausarten. Ganz oft verbinden Kinder nicht nur Bilder, sondern auch bestimmte Gefühle mit ihrem Lieblingsthema. Diese Wunschzustände lassen sich mit einer Zusammenstellung von passenden Farben, Formen und Materialien erzeugen, ohne das die Einrichtung z. B. zum Planetarium werden muss. Außerdem haben Sie einen besonderes Bonus, denn niemand kennt ihre Kinder besser als Sie. Sie wissen wie und warum ihre Kinder auf was reagieren.

Nun möchte ich Sie dazu ermutigen, ihre Kinder bei diesen Einrichtungswünschen zu beraten. Schlüpfen Sie also in die Rolle eines professionellen Einrichtungsberaters und zeigen Sie ihnen, dass Sie die Wünsche respektieren und anerkennen, auch wenn es nicht ihrem Geschmack entspricht. Machen Sie sich einen gemeinsamen Spaß und veranstalten Sie ein offizielles Meeting zum Besprechen ihrer Vorschläge. Erklären Sie dabei die Vor- und Nachteile der Einrichtungswünsche und ihrer Empfehlungen – altersgerecht, versteht sich!  Und – haben Sie Plan B in der Tasche, falls etwas gar nicht ankommt.

 

 

Die Gleicheren

Hochsensible Kinder nehmen weitaus mehr Reize auf als andere Kinder. Ihr Zimmer sollte deshalb eine besonders ausgewogene Mischung aus gezielt gesetzten Reizen bieten und natürlich die individuellen Fähigkeiten fördern. Typischerweise ist ein Kinderzimmer ein Multifunktionsraum aus Spielen, Schlafen, Bewegung und Platz für Kreativität. Hier helfen klare optische Unterteilungen der einzelnen Bereiche. Elektrische und elektronische Geräte entfernen Sie am besten aus dem Schlafbereich. Zusätzlich sollten die Geräte in der Nacht komplett abgeschaltet sein. Noch besser ist es, wenn der Stromkreis für diesen Raum nachts, z. B. mit Hilfe eines Netzfreischalters. ganz unterbrochen werden kann.

Der nächste Artikel wird sich eingehender diesem Thema widmen. Dazu habe ich wieder einen Experten als Gastautor gewinnen können.

 

 

Machen SIE sich gleich

Dazu begeben Sie sich am besten buchstäblich auf Augenhöhe der Kinder und versuchen den Raum im Rundumblick komplett zu erfassen. Können Sie klar erkennen, wo sich was befindet? Schauen Sie bewusst mit den Augen eines Kindes. Bedenken Sie dabei, dass bei Kleinkindern die räumliche Orientierung noch nicht ausgeprägt ist und besondere Anhaltspunkte braucht – etwa eine horizontale Gliederung der Wandflächen.

Kinder entwickeln sich schnell und wachsen nicht nur aus ihrer Kleidung schnell heraus. Bei der Kinderzimmereinrichtung können Sie vorsorgen, indem Sie z. B. die Aufteilung entsprechend planen und anschließend nur noch einzelne Teile austauschen müssen. So kann aus der Malecke mit Kindertisch im Schulalter der Platz für den Schreibtisch werden. Der Grundriss unten ist ein Beispiel, wie so eine “Einteilung mit Zukunft” aussehen kann.

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Praktische Einrichtungstipps

Bei hochsensiblen Kindern liegt ein besonderes Augenmerk auf den Persönlichkeitsmerkmalen. Die Sinne brauchen eine feine Stimulation, die nicht überflutet und genau zu den individuellen Neigungen passt. Raumgestaltung ist nicht nur etwas für die Optik. Wenn alle unsere Sinne in angenehmer Weise befriedigt sind, fühlen wir uns richtig wohl. Wie Sie das anstellen, schauen wir uns jetzt gemeinsam an:

1. Farben

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Foto: S.Schreiber-Beckmann

Bereits Säuglinge können Farben wahrnehmen und Babys reagieren schon differenziert auf unterschiedliche Farbtöne. Die Entwicklung für das Farbensehen ist in den ersten drei Lebensmonaten abgeschlossen und es wird davon ausgegangen, dass Kinder dann beginnen ebensoviele Farbtöne voneinander zu unterscheiden wie Erwachsene. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir Farbvorlieben und Abneigungen. Aber egal, ob wir eine Farbe mögen oder nicht, sie ignorieren oder nicht, sie wirkt auf jeden Fall auf Körper, Geist und Seele. Jede Farbe hat Ihre Eigenheiten und steht für andere Reaktionen, die sich vor allem im Detail unterscheiden.

Ein Beispiel:

Rot steht u. a. für Aktivität bis zur Getriebenheit. Hier spielen Leidenschaft, Erregung und das eigene Ego eine wesentliche Rolle.

Orange steht ebenfalls für Aktivität, aber es geht um die Bewegung als solche, gepaart mit Glück, Kommunikation und geselligem Beisammensein.

Sie sehen, es lohnt, sich eingehender mit dem Wesen der Farben zu beschäftigen, bevor Sie Farbtöne auswählen. Grundsätzlich sollten Sie im Raum eine ausgewogene Mischung anstreben, die sich je nach Nutzungsbereich unterscheiden kann. Und grundsätzlich gilt: Je jünger das Kind, desto pastelliger die Farbauswahl. Wenn Sie die kräftigen Farben auf kleineren Flächen und mit Pastelltönen kombinieren, bekommen Sie für die Älteren ebenfalls ein harmonisches Farbkonzept mit weichen Kontrasten, die insgesamt ruhiger wirken.

 


       2. Materialien 

Materialien in Kinderzimmern müssen natürlich leicht zu pflegen und gesundheitlich unbedenklich sein. Darüber hinaus verstärken oder mindern Materialien Farbwirkungen. Beispielsweise verstärken glänzende Oberflächen eine Farbe und matte Oberfächen mindern sie. Soweit die Optik.

Materialien sind das Element, mit dem wir in Räumen in direkten Körperkontakt treten – auf Tuchfühlung gehen. Je kleiner das Kind, desto intensiver die Tuchfühlung. Begeben Sie sich also wieder auf die Ebene des Kindes, das die Welt auf allen Vieren entdeckt. Wir Erwachsene müssen dabei unseren Sehsinn ausschalten. Schließen Sie also die Augen und berühren Sie verschiedene Materialien mit den Fingern, Armen, Beinen, Füßen, Lippen. Ich verspreche Ihnen, dass Sie einen vollkommen anderen Eindruck zu bestimmten Materialien bekommen werden.

Mit einem Fühlspiel finden Sie heraus, was ihre Kinder am liebsten mögen. Legen Sie verschiedene Materialien verborgen in einem Karton und lassen Sie die Kinder durch ein Loch mit den Fingern diese erspüren. Die Kinder sollen beschreiben was Sie spüren und ob sie es angenehm finden oder nicht.

Bedenken Sie bei der Materialauswahl, dass bei vielen hochsensiblen Kindern Berührung  so intensiv wahrgenommen wird, dass sogar zartes Streicheln als unangenehm empfunden werden kann.

Als allgemeine Richtlinie für eine harmonische Gestaltung gilt auch hier eine ausgewogene Mischung von harten und weichen Materialien im Raum zu finden. Weiche Materialien sind nicht nur Teppiche, Kissen und Vorhänge, sondern z. B. auch textile Wandgestaltungen, in Form von Baumwollputz oder Tapeten.

Foto: SSB

Weiterführender Artikel zur Auswahl von Materialien:

Warum die Haptik beim Einrichten wichtig ist


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Foto:Ilona Weirich

3. Möblierung

Möblierung hat zunächst einmal einen bestimmten Nutzen. Es soll etwas verstaut oder präsentiert werden. Möblierung für Kinderzimmer muss nicht nur stabil und frei von gesundheitsschädlichen Substanzen sein. Kinderhände sollten die Schubladen und Türen verletzungsfrei und selbständig erreichen und bedienen können.

Für hochsensible Kinder ist es besonders wichtig einen guten Überblick behalten zu können. Sowohl in geschlossenen, als auch in offenen Möbeln ist ein übersichtliches Ordnungssystem dafür hilfreich, das die Kinder selbständig nachvollziehen und erreichen können. Ein Beispiel dafür sind einheitliche Kisten mit Bildern, die den Inhalt widergeben. Übrigens wirken offene Möbel, wie Regale und Wandborde, unruhiger als geschlossene.

Möbel haben natürlich auch Formen und diese setzen sich zu Flächen zusammen, die ebenfalls eine Wirkung auf unser Befinden haben. So strahlen waagerechte Formen beispielsweise Ruhe aus, senkrechte Flächen dagegen werden mit Aktivität verbunden. Dort wo das Kind sich sammeln oder zur Ruhe kommen soll, sind also waagerechte Formen sinnvoll. Ein kuscheliges Material in Grün- oder Blautönen würde das Gefühl verstärken.

 


4. Schlafplatz

“Wie man sich bettet, so schläft man.” Diese alte Binsenweisheit, hat tatsächlich weniger mit Binsen, aber mit sehr viel Weisheit zu tun. In jedem Menschen ist ein individuelles Flucht- und Alarmverhalten eingebaut, das noch aus “Säbelzahntigerzeiten” stammt. Es zeigt uns heute, nach wie vor an, was wir brauchen, um uns sicher zu fühlen, auch wenn wir keinen Säbelzahntiger mehr fürchten müssen. Sicherheit ist eine Grundvoraussetzung für einen tiefen erholsamen Schlaf. Das Verhalten ist übrigens nicht festgemeißelt, sondern ändert sich je nach Erfahrung im Laufe eines Lebens.

Was bedeutet das für hochsensible Kinder?

Hochsensible Kinder haben meist ein erhöhtes Sicherheits- und Geborgenheitsbedürfnis.  Auch hier können Sie anhand Ihrer Beobachtungen Rückschlüsse ziehen, oder das Kind äussert sogar selbst was es wie möchte.

Dazu wieder ein anschauliches Beispiel:

Wenn Sie morgens ins Zimmer schauen, müssen Sie regelmäßig Ihr Kind im Bett “suchen”, so hat es sich im Schlaf verkrochen. Hat es vor etwas Angst, versucht es mit allen Mittteln “unsichtbar” zu werden und das gelingt ihm auch. Es kann sich beim Versteckspielen ausgezeichnet tarnen, dass es quasi nie gefunden wird. Das Kind ist eher still, vorsichtig und traut sich selbst nicht allzuviel zu.

Diese Beschreibung spricht beispielsweise für ein Alkovenbett oder zumindest einem Bett, das sich als Wand tarnt und entsprechend die gleiche Farbe aufweist und am besten hinter der Tür steht oder beim Eintritt ins Zimmer nicht als erstes ins Auge fällt.

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Alle Punkte im Überblick

  • Ein Kind ist wie ein offenes Buch. Verhalten und Gewohnheiten sind ein wahres Füllhorn von Inspirationen für die Kinderzimmergestaltung. Beziehen Sie spielerisch und altersgerecht ihr Kind mit ein, macht es doppelt Spaß und die Akzeptanz des Kindes ist umso größer.

  • Kinderzimmer sind meist Multifunktionsräume. Gliedern Sie die einzelnen Bereiche deshalb optisch klar und übersichtlich. Betrachten Sie den Raum aus der Perspektive eines Kindes – gegebenenfalls auf allen Vieren. Mit dieser Einteilung kann ein Kinderzimmer “mitwachsen”.

  • Erst wenn alle Sinne in angenehmer Weise angesprochen sind, können Menschen sich rundum wohl fühlen. Für hochsensible Kinder ist eine ausgwogene Mischung von Farben, Formen und Materialien essentiell.

  • Mit Farben können Sie Körper, Geist und Seele positiv oder negativ beeinflussen. Die Farbgestaltung sollte nach den einzelnen Nutzungsbereichen im Zimmer und auf das Naturell des Kindes ausgerichtet sein.

  • Je jünger das Kind, desto pastelliger die Farben. Kräftige Farben auf kleinen Flächen mit hellen neutralen Tönen ergeben ein ruhigeres Gesamtkonzept.

  • Die Auswahl von Materialien sollte genau überlegt werden, weil hochsensible Kinder meist sehr intensiv auf Berührung reagieren. Machen Sie ein Spiel daraus, um herauszufinden, was es am liebsten hat.

  • Möbel sind Aufbewahrung und Form zugleich. Formen haben ebenfalls eine Auswirkung auf das Befinden. In Kombination mit Materialien und Farben lassen sich die einzelnen Komponenten abschwächen oder hervorheben.

  • Gesunder Schlaf braucht einen sicheren Platz. Da das Sicherheitsempfinden auch bei Kindern unterschiedlich ist, achten Sie genau auf die Gewohnheiten und Eigenheiten, die ihr Kind Ihnen zeigt, um herauszufinden an welcher Stelle das Bett am besten steht und wie es beschaffen sein muss.

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Als junge Mutter hatte ich oft Angst etwas falsch zu machen. Haben Sie Mut etwas zu probieren und beobachten Sie die Reaktionen Ihres Kindes. Wenn Sie nicht weiterkommen, können Sie mich gern fragen. Und ich freue mich auch von Ihren Erfahrungen zu hören.

Ihre

Susanne Schreiber-Beckmann

Mutter und Interior Designerin

Jetzt noch ein paar Lesetipps zum Thema:

Warum der Geruchsinn beim Einrichten wichtig ist

Warum Sie sich beim Einrichten nicht auf Ihre Augen verlassen sollten

Warum Sie beim Einrichten auf Ihre Ohren hören sollten



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