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Raum für Sensibilität – Oh Schreck, mein Kind ist hochsensibel, was nun?

09.08.2016 | Einrichtungstipps | 1 Kommentar

Dieser Artikel fällt aus dem räumlichen Rahmen, denn er widmet sich mit dem Thema “hochsensible Kinder”.

Ich freue mich, dass ich Andrea Herbst, Gründerin  Zentrum für Hochsensibilität, als Gastautorin gewinnen konnte. Sie erklärt die Begrifflichkeiten und hat konkrete Empfehlungen zu diesem Thema. Mit diesem Zentrum schafft sie  einen wichtigen Knotenpunkt als Anlauf- und Beratungsstelle. Sie begleitet und berät als Coach hochsensible Menschen und speziell Kinder und Jugendliche. Nun aber zum Gastbeitrag:

 

 

 

Kinder und Hochsensibilität

Hochsensibilität – Was bedeutet das?
Hochsensibilität ist ein Thema, das zunehmend präsenter wird. Da etwa 15-20 Prozent aller Menschen hochsensibel sind, sprechen wir hier über etwas, dass für sehr viele Menschen interessant ist. Ich persönlich habe zuerst bemerkt, dass einer meiner Söhne extrem empfindsam und im sozialen Bereich verletzlich ist. Bei der Suche nach Erklärungen bin ich auf das Thema Hochsensibilität gestoßen. Und hier hat sich für mich eine Tür geöffnet, auch in dem Begreifen, dass ich selbst hochsensibel bin. Von Kindheit an hatte ich das Gefühl, nicht normal zu sein. So geht es sehr vielen Menschen, die wie ich, hochsensibel sind. Wir entsprechen in vielerlei Hinsicht nicht der Norm, versuchen uns anzupassen und fühlen uns minderwertig, wenn dies nicht gelingt.

 

 

Die Evolution sorgt vor

Es ist so enorm wichtig zu erkennen, dass die Gruppe der hochsensiblen Menschen eine wichtige Funktion erfüllt. Da es dieses Phänomen auch bei allen hoch entwickelten Säugetieren gibt, ist es
naheliegend, dass die Evolution zum Schutze der Allgemeinheit eine große Minderheit vorgesehen hat, die langsam und vorsichtig ist und Gefahren eher bemerkt.

 

 

 

Was nützlich ist wird vererbt!

Hochsensibilität ist keine Diagnose, sondern ein Wesenszustand. Wer hochsensibel ist, nimmt sehr viel mehr Eindrücke und Reize auf, nimmt sie intensiver wahr und verarbeitet sie gründlicher. Das heißt, dass die Welle der Emotionen, die wir empfinden, sehr viel heftiger in beide Richtungen, sowohl positiv als auch negativ, schwingt. Das macht uns vorsichtiger, lässt uns länger abwägen und vorsichtiger entscheiden. Weil wir selbst so verletzlich sind, ist Achtsamkeit ein wichtiges Thema für uns. Unsere hohe Empathie lässt uns zwischenmenschliche Prozesse oft besser verstehen, als es ein normal sensibler Mensch kann. Da Hochsensibilität vererbbar ist, finden sich in vielen Familie mehrere hochsensible Personen.

 

 

Was heißt das genau für unsere Kinder?

Das intensive Aufnehmen von vielen Reizen führt auch bei Erwachsenen schnell zu Überstimulation und Erschöpfungszuständen. Da Kinder häufig noch keine Bewältigungsmechanismen für solche Situationen entwickeln konnten, sind sie dem „Zuviel an Information“ schutzloser ausgeliefert. Viele Kinder reagieren darauf mit Angriff oder Rückzug. Somit ist die Frage berechtigt, ob hinter Lernschwierigkeiten, unangepassten Verhalten oder auch hinter Diagnosen wie ADS oder Autismus, nicht manchmal nur ein hoffnungslos überfordertes, hochsensibles Kind steckt.
Schon viele Babys lassen erkennen, dass sie hochsensibel sind. Diese Kinder registrieren mehr und schreien daher häufiger oder schlafen schlechter, wenn der Tagesablauf unstrukturiert ist. Sie brauchen eine besonders intensive Nähe ihrer Bezugspersonen und können Trennungen schlechter verkraften. Wichtig ist daher, einen sicheren Bindungsstil zu entwickeln, der dem Kind Geborgenheit gibt und zeigt, dass seine Bedürfnisse ernst genommen, verstanden und erfüllt werden. Beim Eintritt in den Kindergarten ist es oft sinnvoll und wichtig, für die Trennung vom Kind mehr Zeit einzuplanen. Können Sie Zeit mit Ihrem Kind im Kindergarten verbringen und die Trennungszyklen langsam erhöhen? Oft zeigt sich, dass hochsensible Kinder in Gruppen eher schüchtern und zurückhaltend reagierenund lieber Einzelkontakte aufbauen. Auch der Eintritt in die Schule kann für diese Kinder eine hohe Herausforderung oder gar Hürde darstellen.
In großen Klassen ist der Geräuschpegel oft so hoch, dass sich schon daraus Reizüberflutungen und Erschöpfungen entwickeln können. Wichtig ist daher, möglichst schon im Schulalltag Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen, damit ein zu sehr gestresstes Kind sich erholen kann.

 

 

 

Was heißt das genau für Sie als Lehrer oder  Erzieher?

Hochsensible Kinder werden oft von anderen Kindern abgelehnt (Heulsuse, Spaßverderber, Weichei usw.) Hier gilt es ausgleichend einzuwirken und Verständnis zu erzeugen, sowie den sensiblen Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre intensiven Gefühle auszudrücken. Bei hochsensiblen Kindern sind oft Fantasie, Empathie und Gerechtigkeitssinn schon sehr früh stark ausgeprägt. Sie empfinden ein hohes Maß an Mitgefühl für Menschen und Tiere. Werden diese Werte unterstützt, kann dies zu einer hohen sozialen und emotionalen Intelligenz eines Kindes führen. Hochsensible Kinder haben häufig ein großes Interesse an Natur, sowie eine große Kreativität. Nutzen Sie die ausgeprägte Beobachtungsgabe dieser Kinder und übertragen Sie kleine Aufgaben, die in der Regel sehr gewissenhaft ausgeführt werden. Versuchen Sie Übererregung vorzubeugen, indem sie zwischendurch zu ruhigen Aktivitäten wechseln oder Wahlmöglichkeiten mit stilleren Beschäftigungen anbieten. Schaffen Sie Ruhemöglichkeiten, damit die Kinder Übererregungen abbauen und wieder aktiv am Unterricht teilnehmen können. Ganz wichtig ist auch, möglichst ohne Druck zu arbeiten.

 

 

Was heißt das genau für Sie als Eltern?

Sinnvoll ist ein langsamer und strukturvoller Lebensrhythmus. Reizüberflutungen zuhause so gut wie möglich vermeiden und Erholungszeiten einplanen. Freizeitstress vermeiden, möglicherweise auch auf verpflichtende Hobbys verzichten. Auch das Kinderzimmer eher mit weniger Spielzeug und übersichtlicher Ordnung einrichten. Fernseh- und Videokonsum gering halten, dafür die Neigung der Kinder zur Naturverbundenheit und Kreativität unterstützen. Kinder lernen durch Vorbildverhalten. Ruhe ausstrahlen hilft daher auch beim Kind, Ruhe zu erzeugen. So ist es auch sehr wichtig, gerade den hochsensiblen Jungen beizubringen, dass das Ausdrücken von Gefühlen wie Trauer und Weinen zum Leben gehört und richtig ist. Strategien, wie das frühere Unterdrücken oder Wegtrainieren von Gefühlen („Indianer kennt keinen Schmerz „oder „Reiß dich zusammen“) können dazu führen, dass ein Mensch seine körperlichen und seelischen Bedürfnisse nicht mehr richtig wahrnehmen kann.

Machen wir unsere Kinder stark!

Eltern, die ein hochsensibles Kind haben, wissen genau, das dieses Kind etwas ganz Besonderes ist. Schon früh beginnen diese Kinder Fragen über den Sinn des Lebens zu stellen. Für so feinfühlige Wesen ist daher eine Erziehung mit Druck und Autorität kontraproduktiv. Fantasie und Humor helfen hier sehr viel weiter. Demütigungen können diese Kinder nur sehr schwer ertragen, sie neigen daher auch eher dazu, traumatisiert zu werden. Wir können unseren Kindern jedoch nicht alles abnehmen oder ersparen. Daher ist es wichtig, so etwas wie einen sanften Abhärtungsprozess zu begleiten, damit ein Kind auch lernen kann, schwierige Situationen auszuhalten und Fähigkeiten zur Bewältigung solcher Situationen zu entwickeln.

 

 

 

Ein Netzwerk für hochsensible Menschen

Ich sehe meine Aufgabe ganz eindeutig darin, mehr Verständnis in der Gesellschaft für dieses Phänomen zu erzeugen. Ganz besonders dort, wo Kinder und junge Menschen der Gefahr ausgesetzt werden, sich für minderwertig und unnormal zu halten, weil sie nicht wie die Mehrheit reagieren. Geplant sind daher Vorträge in Schulen und Kindergärten. Hier in der Nähe von Hameln baue ich zurzeit ein Zentrum für hochsensible Menschen auf. Ein Netzwerk und eine Begegnungsstätte, die es Menschen ermöglichen soll, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Hier werden in naher Zukunft Seminare und Vorträge für alle Interessierten stattfinden. Wenn Sie neue Bewältigungsmechanismen für Ihre starke Emotionalität erlernen oder Ihre eigenen Talente und Ressourcen erkennen und entwickeln möchten, kommen Sie zu einem Coaching zu mir. Wenn Sie unserem Netzwerk beitreten oder sich kostenlos testen lassen wollen, sind Sie ebenfalls herzlich eingeladen.
Zentrum für Hochsensibilität

Andrea Herbst

Andrea Herbst

Andrea Herbst
Im Höxter 10
31840 Hessisch Oldendorf
herbst@zentrum-hsp.de
www.zentrum-hsp.de
Tel: 05151- 96 14 515

 

Literaturhinweise und Quellen:
Zart Besaitet Georg Parlow
Hochsensibel Was tun? Sylvia Harke
Das hochsensible Kind Elaine N. Aron

 

Hatten Sie bereits Berührung mit diesem Thema? Mögen Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen?  Je mehr Menschen darüber wissen, desto besser für alle, deshalb wünschen wir uns viele Leser, die den Beitrag teilen.



Hinterlassen Sie uns einen Kommentar:

Karsten Hoffmann schrieb am 15. August 2016 um 21:19 Uhr:

Liebe Frau Herbst,

vielen Dank für Ihre sehr aufschlussreichen inspirierenden Zeilen. Im Rahmen meiner beruflichen und auch ehrenamtlichen Arbeit begegne ich regelmäßig Menschen, für die das Thema Hochsensibiität alltäglich ist. Einige leiden sehr darunter. Viele davon sind sich dieses Wesensmerkmals nicht bewusst. So können sie dieses nicht für ein angenehmes erfüllendes Leben nutzen.
In der Hochbegabtenförderung ist das Thema auch immer stärker ins Bewusstsein der betroffenen Eltern rückend. Ich glaube, hier muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Denn Wissen hilft ein besseres Verständnis für die Kinder zu entwickeln.
Herzliche Grüße
Ihr
KarstenHoffmann